Das „Gedächtnis der Stadt“ – Gedenktafel mit Rosen im Grüneburgpark

Gibt es das, ein städtisches Gedächtnis? Für die Stadtgeschichte Frankfurt am Main? Wenn ja, wo steckt es? Wer ist dafür zuständig? An welche Institution denke ich spontan, wenn ich nach historischen Fakten und Fakten der Zeitgeschichte stöbern will? Und fündig werden will? Wenn ich nach Personen und ihrem Wirken, nach Initiativen und Bürgerbewegungen forschen will?

Nachschlagen kann ich überraschend vieles im Internet. Doch das ist nur ein Anfang. Manchmal braucht es mehr Hintergrundinformationen. Manchmal muß eine Geschichte neu geschrieben werden, weil sich neue Fakten auftun.

Ich bin noch nicht weiter, suche noch: Gibt es eine Stelle in der Verwaltungsbürokratie, die so arbeitet, daß alle wesentlichen Daten aufbewahrt werden? Gibt es ein Amt, das für die Daten und Fakten zuständig ist? Auf die auch alle zugreifen können? Das Amt für Statistik ist auf jeden Fall für Bevölkerungs- und Wahldaten zuständig.

Wer könnte in der Frankfurter Stadtverwaltung die historisch-politische Aufgabe haben? Ist es das Denkmalamt? Eher nicht, denn mit Genehmigung des Denkmalamtes wird so viel kaputt gemacht. Zum Beispiel die alte Stadtmauer am Opernplatz: Für die Tiefgarage des Luxushotels endgültig 2013/2014 zerstört.

Ist es das Historische Museum? Es ist mir nicht bekannt, daß dort wirklich Daten gesammelt und aufbereitet werden und daß dort ein Zugriff möglich ist. Es ist ein Ausstellungsmuseum.

Ist das „Gedächtnis der Stadt“ im Institut für Stadtgeschichte beherbergt? Erfüllt das Institut die Funktion, das Gedächtnis der Stadt zu sein? Welche Aufgaben hat es? Ist das Institut mit der Zuordnung unter das Kulturdezernat korrekt zugeordnet?

Eine weitere Frage tut sich auf: Greifen auch andere Verwaltungseinheiten, Ämter,  auf eine mögliche Verwaltung von Gedächtnis-Daten zu?

Was ist der Anlaß meiner Forschung nach dem „Gedächtnis der Stadt“?

Es gibt Fotos vom 21.6.2007 im Grüneburgpark, als Petra Roth, ex-OB und Nadine von Mauthner, als Goldschmidt-Rothschild in der „Grüneburg“ geboren, die Gedenktafel zum Haus und der Enteignung der Familie 1935 durch die Nazis inmitten des großen Rosenbeetes einweihen. Alle erinnern sich, mit denen ich zu tun habe, gern an die vielen rosa Blüten und wünschen das große Rosenbeet wieder. Es ist das Plateau an der Stelle des ehemaligen Palais, der „Grüneburg“. Auch Frau von Mauthner hat auf die Rosen dort rund um die Gedenktafel sehr großen Wert gelegt. Sagt der Neffe Jean-Paul Froidevaux, auch ein Zeitzeuge.

Doch das „Gedächtnis der Stadt“ schweigt dazu. Deshalb die forschende Frage: Gibt es eins oder gibt es keins? Denn im Denkmalamt schert man/frau sich einen Teufel um Rothschild und Rosen. Dort will jemand partout ein Podest mit Wiese. Besteht drauf. Obwohl wir als sehr kritische Zeitgeister sagen, das ist Einsparpotential von 125000 Euro im Sanierungs-Budget und für wichtigeres zu verwenden. Außerdem ist ein Podest dem Vandalismus (Graffiti, Schmierereien) und der Vermüllung (Zigarettenkippen etc.) ausgesetzt. Dennoch: Immer noch will jemand, den wir nicht kennen, als persönliches Denkmal das Podest!

Durch einen Zufall kam es an dem „Ort der Zeigeschichte“, der ehemaligen „Grüneburg“ zu einem denkwürdigen Gespräch, als ich Unterschriften für die Erhaltung der Rosenbeete im Grüneburgpark sammelte. Denn die sollen nach Vorstellung des Grünflächenamtes alle weg, noch so eine unglaubliche Story, fast schon Satire. Mein Gegenüber sagte, es war im Juni 2015, daß seine Mutter in der „Grüneburg“ geboren sei. Wie Nadine von Mauthner, die Zwillingsschwester. Nun erfährt der Nachfahre, Jean-Paul Froidevaux, daß die Gedenkplatte anders platziert werden soll und alle Rosen verschwinden sollen. Er unterschreibt für die Rosen.

Das „Gedächtnis der Stadt“, wo auch immer es sich befindet, hätte sofort der Vernichtung der Rosen und der Versetzung der Gedenktafel ein „Nein“ entgegensetzen müssen. Denn eigentlich sollten die Unterlagen der Stadtgeschichte dort liegen und präsent sein. Auch Petra Roth lebt – und zwar weiter politisch aktiv. Sie hätte an die Fakten erinnern können, ja in meinen Augen müssen.

Frau von Mauthner verstarb 2011. Sie kann nicht mehr für ihren Geburtsort, die Gedenktafel am richtigen Ort und die wunderbaren Rosen dort kämpfen. Und die Stadt hat kein Interesse an Gedächtnisarbeit.

Als am 21.6.2007 die Gedenktafel inmitten des großen Rosenbeetes eingeweiht wurde, waren sicherlich auch einige Stadtverordnete dabei, die es auch heute noch oder wieder sind. Niemand von denen, die es besser wissen müßten, hat Einhalt geboten, als der Magistrat 2013 in seiner Vorlage M 127  2913 das etwa 50 cm hohe Podest mit Wiese dort am ehemaligen Palais vorsah, um das geliebte Rosenbeet endgültig zu vernichten.

Gestern beim Baumspaziergang im Grüneburgpark erzählte ich den 30 Teilnehmenden diese Geschichte. Und zeigte ihnen die beiden Fotos vom 21.6.2007, Frau Mauthner inmitten von rosa Rosen. Sie fragten nach, sie wollten mehr wissen. Sie unterschrieben für die Erhaltung der Rosenbeete. Eine Frau aus Sachsenhausen, die beim gestrigen Spaziergang dabei war,  kannte Frau von Mauthner. So wird das „Gedächtnis der Stadt“ aufgefrischt. Durch ZeitzeugInnen.

Die Spaziergänge zu „Orten der Erinnerung“ sind lebendiger Geschichtsunterricht. Der Grüneburgpark ist dafür erstaunlich gut geeignet. Die Alte Linde, 1822 gepflanzt, dickster und ältester Baum im Grüneburgpark kann es bezeugen.

Ob sich das Institut für Stadtgeschichte für zuständig erklärt, den Wunsch und Willen von Frau von Mauthner nach dem genauen Ort der Tafel und den umgebenden Rosen über ihren Tod hinaus zu beachten, ist noch eine offene, unbeantwortete Frage.

Gisela Becker

Nachtrag am 15.7.2015

Antwort aus dem Institut für Stadtgeschichte:

„Haben Sie vielen Dank für Ihre Mail und die Informationen zum Rosenbeet im Grüneburgpark, die auch für uns neu sind. Leider berührt der von Ihnen dargestellte Sachverhalt nicht die Belange des Instituts für Stadtgeschichte.“

Dort im Institut ist das „Gedächtnis der Stadt“ nicht zuhause. Wo ist es?

Ist das Gedächtnis der Stadt ein Sieb?

Sind wir alle das Gedächtnis der Stadt? Hat noch niemand eine städtische Institution gefordert, in der Daten gesammelt und aufbereitet werden? Wie wird denn in dieser Stadt Frankfurt recherchiert?

Gisela Becker

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s