Hauptfriedhof – ein Ort des Lärms und Autoverkehrs

Eigentlich sollte es ein Ort der Stille und Besinnung seinTrauernder

Montag. Im November. Die Sonne scheint. Der goldene Herbst ist dieses Jahr besonders schön. Die Natur lockt. Der Hauptfriedhof ist eine grüne Oase. So denke ich, fahre mit dem Rad hin und spaziere den Gruftenweg entlang. Da dringt schon der erste infernalische Lärm an meine Ohren. Ein Laubbläser, das lauteste Gerät, was man/frau sich denken kann. Im Einsatz an einem „Ort der Stille“.  Je weiter ich gehe, um so schlimmer wird es. Weitere entsetzliche Laubbläser dröhnen durch das Gräberfeld. Ein Auto nach dem anderen befährt die Wege. Die Parklandschaft des Hauptfriedhofs sollte eigentlich zu jeder Jahreszeit andere, bessere Qualitäten aufweisen. Offenbar wird auf Ruhe und autofrei keinerlei Wert gelegt.

Ich erreiche das Steinfeld der Toten aus dem ersten und zweiten Weltkrieg. Die Statue des verzweifelten Jünglings* ist faszinierend getroffen. Ein Junge, der hilflos dem Gemetzel ausgeliefert ist. Die Trauer ist der Figur mit dem gesenkten Kopf anzusehen.

Mein Blick fällt auf eine alte Roßkastanie. Alle ihre Blätter liegen braun am Boden. Ein Baumskelett, kommt mir in den Sinn, Stamm und Äste wirken ohne Hülle ungeschützt.

Gelbe Birkenblätter tanzen von den Bäumen und legen sich auf den Boden und auf Eiben. Sie wirbeln in der Luft. Schneeflockengleich. Gelbe Lindenblätter bilden auf  den Wegen eine lockere Bettdecke. Hin und wieder höre ich Singvögel. Tauben und Krähen machen sich bemerkbar. Wenn nur der Maschinenlärm nicht wäre. Die riesigen Bäume, die dichte Vegetation und die geschwungenen Wege sind eine sehr sehenswerte Parklandschaft. Der Hauptfriedhof wurde 1828 nach Plänen des Stadtgärtners Sebastian Rinz angelegt. Er umfaßt heute rund 70 ha. Es kann passieren, daß eine gefährliche Sanierungswelle ihn überrollt. Denn auch auf dem Gebiet wollen Firmen verdienen. Der ziemlich ungebremste Autoverkehr im Park von den verschiedenen Firmen weist auch in diese Richtung. Die Vision Friedhof 2020 schwebt wie ein Damoklesschwert über dieser Landschaftidylle.

Beim Spaziergang lese ich viele Namen, darunter bekannte Namen, schaue mir die Gestaltung an, manches langweilig, uniform, manches hübsch individuell, manches naturnah. Diesmal ärgere ich mich über die stillos gekappten Ilex. Die vielen durch verkehrten Schnitt verkrüppelten Eiben geraten mir immer in den Blick, wenn ich im Friedhof spaziere und eigentlich Natur genießen will.

Dann erreiche ich die Wiese, auf der wir Lilo Gwosdz im Februar 2015 begraben haben. Anonym. Das war ihr Wunsch. Ein Text aus ihrem selbstgeschriebenen, geliebten Buch „Breslau. Schmerzliches und Herzliches. Erinnerungen und Erzählungen einer Schlesierin“ wurde an dem Tag daraus vorgelesen. Es war ein Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Gisela Becker

* Ich habe versucht, den Jüngling im Internet zu finden, durchforschte dazu

http://www.kunst-im-oeffentlichen-raum-frankfurt.de/de/page0.html

http://www.frankfurt1933-1945.de/

und fand ihn nicht.

Ein QR-Code vor Ort verweist auf Gedenkorte-Frankfurt-Main.de. Doch habe ich keinen Zugang.

Nachtrag am 5.11.2015

Laubblasaktionen auf dem Hauptfriedhof am 10., 19., und 24. November von 9 – 12.30 h angekündigt.

hier

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s