Naturfreunde besuchten die Gedenkstätte Deportationen Großmarkthalle

Begehung des authentischen Ortes der Deportationen von 10000 Jüdinnen und Juden ab 1941

Gedenkstätte DeportationenZur Vorgeschichte der Begehung: Am 22.11.2015 war die Gedenkstätte an der EZB mit geladenen Gästen eröffnet worden. Wer vom Büro des Oberbürgermeisters nicht eingeladen worden war und sich nicht zurückgemeldet hatte, wurde von den strengen EZB-Kontrolleuren nicht auf das EZB-Gelände zur feierlichen Eröffnung eingelassen. Der Termin war öffentlich nicht bekannt, so daß sich niemand aus der Bevölkerung anmelden konnte. Es war ein Tag der Ausgrenzung.

Mehrere Personen waren am 22.11.2015 vor Ort, darunter ich und weitere Mitglieder der Naturfreunde und der VVN und scheiterten. Ein vor Ort abgefaßter Protestbrief an den OB Peter Feldmann mit unseren Unterschriften wurde von ihm nicht beantwortet.

Weil ich unbedingt die komplette Gedenkstätte, also auch den Keller, sehen wollte, startete ich eine Einzelanmeldung beim für die Besichtigungen zuständigen Jüdischen Museum. Ich erhielt eine Absage. Nur Gruppenführungen seien im Dezember möglich. Kostenpunkt 50 Euro.

Wie sollte von mir eine Gruppe organisiert werden? Also fragte ich bei den Frankfurter Naturfreunden, bei denen ich Mitglied bin, an, ob wir das organisieren könnten. Nach der Zustimmung durch den Vorstand begann die Öffentlichkeitsarbeit. Und innerhalb weniger Tage hatten wir von Mitgliedern der Naturfreunde, der VVN und Einzelpersonen die 20 Personen beisammen. Ich hatte die Presse eingeladen und die FR berichtete bereits am Montag, 14.12.2015 über die Situation und den scharf kontrollierten Zugang*.

Begehung am 15.12.2015 mit Fritz Backhaus, stellv. Direktor des Jüdischen Museums

Am gestrigen Dienstag, 15.12.2015 nahmen zwanzig Personen, alle der Generation 50+ angehörig, an der Begehung des gesamten Innen- und Außenareals teil. Bei der ein und der anderen gab es viel Wut ob der nervigen Zutrittskontrolle, ähnlich der am Flughafen. Die Führung hatte Fritz Backhaus, stellvertretender Direktor des Jüdischen Museums. Uns begleitete auf Schritt und Tritt ein Wachmann, was mir unangenehm war.

Nur ein großer Kellerraum ist als Teil der Gedenkstätte zu betreten, nicht die anderen Kellerräume, die alle ab 1941  für die Deportationen von 10000 Jüdinnen und Juden in mehreren großen Transporten in die Vernichtungslager genutzt wurden. „Gab es Toiletten?“ fragte ein Besucherin. „Ja. Im Westteil, der von hier aus verschlossen ist. Es waren die Toiletten für die Marktbeschicker. In dem Bereich fanden sicher auch die Leibesvisitationen statt.“

Aha. Da haben wir das Problem. Wesentliche authentische Orte, um die Registrierung, das Grauen, die Dunkelheit, den Terror, die Schläge, das Eingepferchtsein nachzuvollziehen, stehen der Gedenkstätte nicht zur Verfügung. Die Räume wurden verschlossen. Auch die Schienen und Bahnsteige, die bis zum EZB-Bau vorhanden waren, wurden nicht mal ansatzweise wieder erstellt, um authentische Fragmente als Konstruktionen für die Vorstellung des grauenhaften Geschehens und des Abtransportes der Menschen zu haben.

Alles geschah während des Marktbetriebes. Auch dazu gibt es keinerlei hilfreiche Rekonstruktionen vor Ort.

Gefühle entstehen nicht, so clean wie insbesondere der Außenbereich angelegt ist. Platten mit Aussagen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind an Wänden und auf dem Weg von der Sonnemannstraße zum Stellwerk eingelassen.

Deutliche Hinweise auf die Gedenkstätte fehlen an der Sonnemannstraße und am Weg am Main, wurde befunden.Vieles ist bei der Beschriftung im Außenbereich schlecht lesbar, wurde festgestellt. Außerdem wurde gefragt, ob Jugendliche mit der geringen Aussagekraft etwas anfangen könnten. Wer mit dem Rad dort entlang fährt, erkennt wahrscheinlich nicht die Gedenkstätte als Ganzes. Die jetzige Gestaltung sei ein Kompromiß, wird wiederholt geäußert.

Fritz Backhaus nimmt die kritischen Hinweise unserer Besuchergruppe mit. Das Jüdische Museum betrachtet die Gedenkstätte als städtische Einrichtung und nicht als museale, so daß das Museum zwar Führungen anbiete, aber nicht originär zuständig sei. In der nächsten Zeit würden auch Termine genannt, bei denen sich Einzelpersonen anmelden könnten.

Die Stadt hatte seit 1945 kein Interesse an der Erinnerungskultur. Und mußte sich durch die Veräußerung der Großmarkthalle an die EZB und laute Forderungen nach einer Erinnerungsstätte überhaupt dazu durchringen, eine Gedenkstätte einzuplanen. Sie ist dementsprechend möglichst unauffällig.

„Beiläufig“ sei sie, meint Fritz Backhaus.

Gisela Becker

* FR, Claus-Jürgen Göpfert: Mahnmal streng abgeschirmt

FR, Kommentar: „Gedenken vor Sicherheit“

 

Nachtrag am 27.12.2015 zum Artikel in „Frankfurt baut“ der Stadt Frankfurt, Ausgabe 4, Winter 2015, S. 21

 „Erinnerungsstätte an der EZB eröffnet“

Die beiden Fotos sind wenig aussagekräftig. Der Text ist amtlich, unkritisch. Die Perspektive von BesucherInnen wird nicht eingenommen.

Hervorgehoben wird eine „komplexe Aufgabenstellung für das Hochbauamt“. Denn zahlreiche Beteiligte mußten eingebunden werden: Das Kulturamt, das Jüdische Museum, das Denkmalamt, das Amt für Straßenbau und Erschließung, das Grünflächenamt, die EZB, die DB. Bei der Aufzählung läßt sich ablesen, daß das interessierte Volk nicht vorkam.

Der Ausschluß der Öffentlichkeit bei der Eröffnung am 22.11.2015 wird so formuliert: „Im November (Tag nicht genannt) fand die Einweihung unter Anwesenheit von Politikern, EZB, Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde und weiteren geladenen Gästen statt.“ Die schweren EZB-Kontrollen werden geheim gehalten. Wer zwar eine Einladung hatte, sich aber nicht zurückmeldete, bekam keinen Einlaß.

Zu den Problemen einer Besichtigung der gesamten Gedenkstätte der Deportationen wird nichts geschrieben. Es heißt nur am Ende des Textes: „Nach vorheriger Anmeldung bietet das Jüdische Museum Führungen an.“ Der Hinweis auf Termine für Einzelanmeldungen fehlt gänzlich, weil sie nicht ins Konzept gehörten. Daß nur ein Kellerraum der vielen genutzten betreten werden kann, gehört unbedingt als Nachteil genannt.

Gisela Becker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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